von Pfr. Dr. Bernd Krebs
14 Und sie kamen zu den Jüngern und sahen
eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen
stritten.
15 Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle,
liefen herbei und grüßten ihn.
16 Und er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen?
17 Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe
meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.
18 Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum
vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe
mit deinen Jüngern geredet, daß sie ihn austreiben sollen, und sie
konnten's nicht.
19 Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges
Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch
ertragen? Bringt ihn her zu mir!
20 Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der
Geist sah, riß er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte
Schaum vor dem Mund.
21 Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, daß ihm
das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf.
22 Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, daß
er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und
hilf uns!
23 Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst - alle
Dinge sind möglich dem, der da glaubt.
24 Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf
meinem Unglauben!
25 Als nun Jesus sah, daß das Volk herbeilief, bedrohte er
den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist,
ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!
26 Da schrie er und riß ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe
lag da wie tot, so daß die Menge sagte: Er ist tot.
27 Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf,
und er stand auf.
28 Und als er heimkam, fragten ihn seine Jünger für sich
allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben?
29 Und er sprach: Diese Art kann durch nichts ausfahren als
durch Beten.
Wieder so eine Geschichte, in der Jesus schroff und abweisend reagiert – in der ihm die Menschen die erbetene Hilfe geradezu abtrotzen müssen! Wenn ein Arzt sich so verhalten würde – es spräche sich schnell herum im Kiez. Vielleicht gäbe es den einen oder anderen Patienten,der entschuldigend sagen würde: „Das ist zwar ein alter Brubbelkopp, aber als Facharzt eine Spitzenkraft – mich hat er jedenfalls geheilt und Frau M und Herrn R. auch …“ Doch wer möchte sich mit Sätzen anfahren lassen wie diesen: „Wie lange soll ich Sie noch ertragen?“. Oder „Kommen Sie mir nicht mit dem Satz: Sie sind doch der Arzt, sie müssen das doch können – Wer glaubt, kann alles“. Und wie kämen Sie sich vor, wenn ein Pfarrer oder eine Pfarrerin so schroff zu Ihnen wäre, weil Sie ihn oder sie um Hilfe bitten? Es wäre höchste Zeit, dass ein Pfarrerkollege oder eine Älteste diesen einmal beiseite nähme und fragte: „Was ist denn los mit… ? Sie reagieren ja vollkommen gereizt … Fühlen Sie sich überfordert? …Brauchen Sie Hilfe …?“
Helfer müssen Helfer sein. Den Menschen zugewandt. Mit einem
offenen Ohr. Geduldig, kompetent und professionell. Das erwarten wir.
Und wenn nicht?
Als Jesus – im wahrsten Sinne des Wortes – die Szene betritt, trifft
er auf eine aufgeregte Menge, mitten drin die Jünger, die
offensichtlich im Streit mit einem Mann liegen – und sofort beschwert
sich der Mann bei ihm „Ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie
meinem Sohn helfen sollen, aber sie können's nicht“. Nun muss also der
Chefarzt ran – er muss es richten. Und irgendwann wird er sich den
Oberarzt und den Stationsarzt vornehmen; und die können froh sein, wenn
das nicht vor dem versammelten Personal der Abteilung geschieht – Helfer
müssen Helfer sein. Den Menschen zugewandt. Mit einem offenen Ohr.
Geduldig, kompetent und professionell. Aber was ist, wenn auch der
Chefarzt mit all seiner Erfahrung und seinem Wissen nicht die erhoffte
Heilung zu bringen vermag?
Die Art und Weise, mit der sich Jesus die Beschwerden des Kranken darstellen läßt, um dann durch Nachfragen beim Vater weitere Informationen zur Krankheitsgeschichte zu erheben – das ist, auch nach heutigen Regeln der ärztlichen Kunst, professionell. Ohne Anamnese keine Diagnose. Ruhig bleiben. Sich ein Bild machen. Nachfragen. Schritt für Schritt vorgehen. Dann erst können verschiedene Möglichkeiten in Betracht gezogen werden, wie in dem Fall gehandelt werden muss …
In welcher Anspannung das alles geschieht, davon zeugt der gereizte Wortwechsel, der zwischen dem Vater und Jesus aufbricht. „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich über uns und hilf uns.“, sagt der Vater. Wer kann es ihm verdenken, nach dem Fiasko, das er mit mit den Jüngern erlebt hat und den schroffen Worten Jesu? Angehörige sind häufig ungeduldig. Sie wollen wissen, was ist und welche Chancen auf Heilung bestehen.
Sie sind hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung auf Rettung, die sich aus einem tiefen Vertrauen in die Leistungen der Medizin speist, und diffusen Zweifeln, ja Ängsten, die aus vielen Geschichten herrühren über ärztliche Kunstfehler, unerklärliche Komplikationen. So stehen sie da, so stehen wir da wie eben dieser Vater, zwischen Glauben und Unglauben, zwischen Hoffen und Bangen.
„Sie müssen uns schon vertrauen – damit helfen Sie ihrem Sohn am
besten“
Ob Jesus das mit seinen – zunächst so schroff klingenden Worten –
sagen wollte!? Wenn ein Mensch gesund werden soll, dann bedarf es dazu
nicht nur des Einsatzes aller Mittel, die den Ärzten und Ärztinnen zur
Verfügung stehen; es bedarf auch des mithelfenden Vertrauens des
Patienten und seiner ihn begleitenden Nächsten. Ein Patient, der sich
selbst aufgegeben hat, dem wird auch ein Arzt nicht mehr helfen können;
und eine Patientin, der von ihren Nächsten beständig das Gefühl
vermittelt wird, dass man sie mit ihren Ängsten und Sorgen, wie mit
ihrem Hoffen nicht ernst nimmt, wird es schwer haben, gesund zu werden.
Der Satz „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ ist ein Satz von tiefer
existentieller Bedeutung.
Jeder Mensch braucht, um getrost leben (und getrost sterben!) zu
können, ein Grundvertrauen. Ohne das Grundvertrauen, dass Gott mich
nicht aufgibt – was auch immer geschieht, würde sich mein Leben in einer
solchen gereizten, angespannten, von untergründigen Aggressionen
geprägten Weise abspielen, wie wir es in dieser Geschichte miterleben.
Und jeder von uns weiß nur zu gut, dass es auch den Stabilsten treffen
kann, den, den alle wegen seiner Unerschütterlichkeit bewundern. Und was
dann? Wie finde ich zurück zu jenem Gefühl der Geborgenheit und des
Vertrauens, aus dem heraus ich bis dahin gelebt habe, zur Quelle meiner
Gelassenheit und meiner trotzigen Fröhlichkeit? Könnte ich doch wieder
so voller Vertrauen sein wie früher!
Denn ich glaube doch immer noch, irgendwie – aber wer befreit mich
von diesem nagenden Gefühl, dass am Ende doch jene Recht behalten
könnten, die mir beständig zurufen: „Es gibt keinen Gott, es hat ihn nie
geben…“.
Hier kann es hilfreich sein, das Gespräch mit einem Menschen, der sich meiner Seele annimmt. Genauso wie ich ja auch einen Arzt aufsuche, wenn ich an mir Symptome einer Veränderung oder gar deutliche Anzeichen einer Krankheit entdecke! Und wie der Arzt dann mit mir im Gespräch meine bisherige Krankheitsgeschichte erheben wird, so wird der, dem ich mich in meiner Glaubenskrise anvertraue – ebenso im Gespräch mit mir herauszufinden versuchen, was mich bedrängt und wie ich in früheren Lebensphasen auf solches reagiert habe. Hat mir damals ein Gebet geholfen? Gab es ein Bibelwort, was mich begleitet hat? Gab es Orte spiritueller Erfahrungen, an denen ich wieder zu dem Grundvertrauen zurückgefunden habe, das mich immer trug? Könnte es Sinn machen, diesen oder einen ähnlichen Ort wieder aufzusuchen? Gab es vielleicht eine religiöse Gemeinschaft oder einen einzelnen, im Glauben verwurzelten Menschen, der mir geholfen hat? Könnte ich mir vorstellen, diese Beziehung wieder anzuknüpfen? Welche Rolle hat die Musik bei der Überwindung früherer Krisen gespielt?
Solchen und weiteren Fragen im Gespräch nachzugehen, ist der erste Schritt auf dem Weg der seelischen Heilung. Denn wir glauben ja, dass jeder Mensch zugleich Körper und Geist ist, Leiblichkeit und Seele. Im Blick auf den ganzen Mensch ist es also unumgänglich: in Krisen auch nach den religiösen Ressourcen zu forschen, die in uns stecken, und die uns bei der spirituellen Heilung helfen könnten. Deshalb geht es ja in allen Heilungsgeschichten, von denen die Evangelien berichten, nicht nur um die körperliche, sondern auch um die spirituelle Gesundung der Menschen, die zu Jesus kommen oder ihm vor die Füsse gelegt werden. Es geht darum, ihren Glauben – oder anders gesagt – ihr Grundvertrauen zu stärken.
Und die Schroffheit, mit der Jesus reagiert – wie sollen wir diese
deuten?
Die eine Deutung wäre: Warum sollte nicht auch Jesus mal gereizt
reagiert haben, genervt von den vielen Menschen, die da ständig auf ihn
eindrangen?
Ich glaube jedoch, dass Jesus vor allem deshalb unwirsch reagierte,
weil die Jünger – immer noch nicht – begriffen hatten, dass es eines
„ganzheitlichen Zugang“ bedarf, um einen Menschen zu heilen. Die
körperliche, oder sagen wir es verkürzt, die „medizinische Therapie“ ist
nur eine; sie bedarf der Ergänzung durch die „spirituelle Therapie“,
also des Gebetes oder Gesanges, der Stille und des Gesprächs, genauso
wie der medizinischen Hand- und Kunstgriffe, auf die sich Jesus ebenso
verstand – ausweislich dieser Geschichte. Denn Heilung ist ein
ganzheitliches Geschehen.
Das hatten die Jünger vergessen oder es war ihnen noch nicht so in
den Blick gekommen. Haben wir es erkannt? Und wenn ja, wie verhalten wir
uns in den Krisen unseres Lebens?