von Matthias Reumann (15. August 2010)
Wir danken Gott unablässig
dafür, dass ihr das von uns verkündigte und von euch empfangene Wort Gottes
nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit
ist: Gottes Wort, das in euch, den Glaubenden, wirksam ist. Denn ihr, liebe
Brüder und Schwestern, seid dem Beispiel der Gemeinden Gottes gefolgt – der
christlichen Gemeinden in Judäa –, da ihr von euren Mitbürgern dasselbe
erlitten habt wie sie von den Juden.
Diese haben den Herrn Jesus
getötet und die Propheten, sie haben uns verfolgt, sie missfallen Gott und sind
allen Menschen feind, weil sie uns daran hindern, den Völkern das Wort zu
verkündigen, das ihnen Rettung brächte; so machen sie unentwegt das Maß ihrer
Sünden voll. Aber schon ist der Zorn über sie gekommen in seinem vollen Ausmaß.
Wir aber, liebe Brüder und Schwestern, sind wie verwaist, da wir für eine kurze Zeit von euch getrennt
sind – äußerlich nur, nicht aber im Herzen. Umso mehr haben wir uns voller Sehnsucht
bemüht, euch von Angesicht zu sehen. Denn wir wollten zu euch kommen, ich,
Paulus, mehr als einmal, doch der Satan hat es verhindert. Denn wer ist unsere
Hoffnung, unsere Freude, unser Ruhmeskranz vor unserem Herrn Jesus, wenn er
kommen wird? Nicht etwa auch ihr? Ja, ihr seid unser Glanz und unsere Freude.
Zwei Fragen
werden uns heute besonders beschäftigen, sogar beschäftigen müssen. Die eine Frage
ergibt sich aus der Geschichte, die Paulus und seine Mitarbeiter mit der jungen
Gemeinde in Thessalonich erleben. Sie hat sehr schnell erlebt, dass ihre
Hinwendung zu Gott, ihr Bekenntnis zu Jesus Christus nicht unbemerkt geblieben
ist und auch nicht nur mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen wurde. Die
Menschen, mit denen sie in ihrer Stadt zusammenlebten, dachten eben nicht:
„Soll doch jeder nach seiner Façon selig werden!“. Ihr neuer Glaube wurde in
Frage gestellt und sie wurden in Frage
gestellt, ob sie mit diesem Glauben noch vollwertige Mitglieder der städtischen
Bürgerschaft sein könnten. Was hat eigentlich den Widerstand ihrer Mitbürger
hervorgerufen, was war das Ärgerliche, das sie nicht so einfach hinnehmen
konnten? Wie versucht Paulus, die jungen Christen angesichts dieses
Widerstandes ihres Glaubens zu versichern und ihre Widerstandskraft zu stärken?
Die zweite Frage
betrifft die harten Worte, die Paulus über die Juden spricht. Wie sollen wir
mit einem solchen Text heute umgehen? Enthält er doch die mit am stärksten
antijüdischen Formulierungen im ganzen Neuen Testament. Wir müssen dabei sehr
sorgfältig vorgehen, weil wir um die Geschichte wissen, die diese Worte später
entfaltet haben. Es ist ja nicht bei Worten geblieben, man ist zur Tat
geschritten gegen die Juden, „die den Herrn Jesus getötet haben“, manche haben
sich selbst als die Vollstrecker des göttlichen Zorns betrachtet, den Paulus
hier über den Juden walten sieht. Selbstverständlich distanzieren wir uns von
einem solchen Verständnis dieser Worte, die sie als Vorwand für Verfolgung,
Mord und Totschlag nehmen. Aber wir sind gefragt, wie wir sie denn verstehen, sind es doch Worte, die in
unserer Heiligen Schrift stehen und also mit einer gewissen Verbindlichkeit
daherkommen – ich formuliere bewusst vorsichtig.
Was waren die
Gründe dafür, dass den Christen in Thessalonich ein scharfer Wind ins Gesicht
wehte? Woher wehte dieser Wind, wer waren diejenigen, die die Gemeinde
bedrängten? Paulus spricht vom „Leiden“ der Thessalonicher. Es wird sich also
nicht nur um Unverständnis, Spott oder leichtere Beleidigungen gehandelt haben.
Es war wohl eine deutliche gesellschaftliche Ausgrenzung der Christen,
vielleicht verbunden mit Anklagen vor Gericht oder auch tätlichen Übergriffen.
Aber was konnte man denn diesen jungen Christen vorwerfen? Nicht, Christen sind
doch eher harmlose Leute, oder? Wer stand hinter der Opposition gegen die
christliche Gemeinde? Waren es Heiden, also Menschen, die mit dem Pantheon der
griechischen oder römischen Götter vertraut waren oder einem der vielen lokalen
Kulte anhingen? Oder waren sie unter den Juden der Stadt zu finden, die in
Thessalonich sicherlich eine Minderheit waren, aber auch nicht ohne jeden
Einfluss?
Die Antwort
müssen wir suchen, einerseits in diesem Brief – mehr zwischen den Zeilen,
andererseits in der Apostelgeschichte, die uns einiges zumindest über den
Aufenthalt des Paulus in Thessalonich berichtet. Paulus spricht davon, dass den
Thessalonichern von ihren „Mitbürgern“ Leid zugefügt wurde. Die Christen in
Thessalonich waren ganz überwiegend Heiden, die – wie Paulus sagt – „sich von
den nichtigen Göttern dem lebendigen Gott zugewandt haben“. Das spricht dafür,
dass es sich bei den „Mitbürgern“ ebenfalls um die heidnische Bevölkerung der
Stadt gehandelt hat. Dafür spricht auch die Anklage, der sich die Christen in
Thessalonich bereits beim Aufenthalt des Paulus gegenüber sahen. Die Christen
werden als diejenigen bezeichnet, „die den ganzen Erdkreis in Aufruhr gebracht
haben“, es gibt also bereits einschlägige Erfahrungen mit diesen Leuten.
Konkret heißt es dort: „Sie alle handeln den Anordnungen des Kaisers zuwider,
denn sie behaupten, ein anderer sei König, nämlich Jesus“. Keine harmlosen
Anschuldigungen! Aufruhr – das war eine Sache, bei der römische Beamte und
Soldaten keinen Spaß verstanden. Und auch die Politarchen, also die
„Bürgermeister“ der Stadt Thessalonich, würden es nicht zulassen, dass auch nur
der Verdacht einer solchen Sache auf die Stadt fällt.
Ein völlig
unbegründeter Verdacht? Christen tun so etwas doch nicht!? Nun, der aktive
Widerstand gegen die römische Herrschaft war sicherlich nicht auf der
Tagesordnung der christlichen Gemeinde. Aber der Satz „Jesus ist Herr!“ war
alles andere als ein harmloser Satz in einer Welt, in der ganz klar war, dass
„Herr“ nur der Kaiser von Rom sein konnte. Im Bekenntnis zu Jesus als dem Herrn
lag in der Tat auch die Infragestellung des römischen Kaisers, nicht seiner
politischen Herrschaft, wohl aber der religiösen Würde, mit der er sich gerne
umgab, und die auch von den Bürgern des Römischen Reiches nicht bestritten
wurde. Vielleicht hatten einige Christen sich bereits von solchen öffentlichen
Huldigungen des Kaisers distanziert. Der Vorwurf der politischen Subversion war
also nicht völlig aus der Luft gegriffen. Politik und Religion waren keine
voneinander getrennten Bereiche, es gab eine „politische Theologie“, die mit
dem christlichen Bekenntnis unvereinbar war, und die die Christen vor die Frage
stellte, was können wir noch mitmachen, ohne Christus zu verleugnen? Die
Einsicht, dass der Staat von Werten lebt, die er selbst nicht garantieren kann,
war noch sehr weit entfernt. Christen in totalitären Staaten heute stehen vor
der Frage: Sollen wir in einer grundsätzlichen Opposition zum Staat stehen oder
müssen wir je nach der Situation einmal Ja und ein anderes Mal Nein zu ihm
sagen? In der DDR fragten sich die Christen: Sollen unsere Kinder an der
Jugendweihe teilnehmen oder nimmt der Staat sich damit ein Recht heraus, das
wir ihm um Christi willen nicht zugestehen dürfen?
Die Konflikte der
Christen mit der heidnischen Bevölkerung von Thessalonich könnten mit solchen
Fragen zu tun gehabt haben. Die Apostelgeschichte berichtet aber auch von
starker jüdischer Opposition gegen die Apostel und die junge Gemeinde. Sogar
davon, dass die Juden der Stadt diese Vorwürfe lanciert hätten. Das ist gut
vorstellbar; es hat in der Zeit der frühen Christenheit solche Denunzierungen
von Christen durch die jüdische Gemeinde immer wieder gegeben. Die
Rechtsstellung der Juden im Römischen Reich war erheblich besser als die der
christlichen Gemeinden. Das hat sich später ja gründlich geändert. Jedenfalls
hat diese jüdische Opposition dazu geführt, dass Paulus und Silas als
vermeintliche Unruhestifter die Stadt verlassen mussten. Auch in der nächsten
Stadt Beröa, wo sie eine Gemeinde gründeten, mussten sie aufgrund ihrer
Nachstellungen schnell weiterreisen. Die Sorge des Paulus um die Gemeinde in
Thessalonich und damit auch dieser Brief haben natürlich damit zu tun, dass er
die Stadt viel früher verlassen musste, als er geplant hatte. Vielleicht hat die
Vehemenz seiner Worte gegen die Juden ja auch mit diesen Erfahrungen zu tun,
die noch ziemlich frisch waren.
Paulus holt aber
noch wesentlich weiter aus und zeichnet ein Bild von den Juden, das nicht nur
einen Einzelfall beschreibt, sondern eine sehr grundsätzliche – man muss
beinahe sagen: Abrechnung darstellt. Zunächst stellt Paulus die Thessalonicher
in eine Reihe mit den christlichen Gemeinden in Judäa, also der Gemeinden, die
in dem ersten Kreis um Jerusalem gelebt haben, von wo die christliche Botschaft
ihren Ausgang genommen hatte. Sie sind in ihrer Leidenserfahrung also in guter
Gesellschaft. Christen haben es von Anfang an erfahren, dass sie auf den
Widerstand ihrer Umgebung gestoßen sind. Paulus spricht aus eigener Erfahrung, er
selbst hat ja schon bei seinen ersten Schritten als Christ gemerkt, dass er
sich auf einen gefährlichen Weg begeben hatte. Die Thessalonicher erleben jetzt
das, was schon Paulus und was auch andere Gemeinden erlebt haben. Sie sind dem
Beispiel der Gemeinden in Judäa gefolgt, natürlich nicht dadurch, dass sie
diese Leiden gesucht hätten – kein geistig gesunder Mensch sucht das Leiden –, sondern dadurch, dass ihr Bekenntnis
zu Christus diesen Widerstand provoziert hat. Sie sollen es als ein Zeichen
verstehen, dass sie auf dem richtigen Weg sind.
Aber warum diese
harten Worte des Paulus gegen die Juden, die eine so unselige
Wirkungsgeschichte gehabt haben? Manche seiner Worte beziehen sich ja auf
unbestreitbare Ereignisse: Die jüdischen Priester und Theologen hatten ja eine entscheidende
Verantwortung für das Urteil Jesu, das die Römer dann ausgesprochen und vollstreckt
haben; die christlichen Gemeinden sahen sich immer wieder der Feindschaft der
jüdischen Synagoge gegenüber und Paulus hatte selbst reichlich Erfahrung mit
dieser Feindschaft gemacht. Seine Worte bedienen sich aber auch aus dem Arsenal
der antiken Judenfeindschaft: Dass „die Juden allen Menschen feind sind“,
konnte man auch bei manchem griechischen und römischen Autoren lesen.
Antijüdische Ressentiments waren verbreitet, bei Ungebildeten und bei
Gebildeten, etwa bei dem zeitgenössischen Philosophen Seneca.
Die jüdischen
Gemeinden bildeten in den Städten Gemeinschaften, die einen exklusiven Eindruck
machten, was sie für viele schon verdächtig machten: Die sondern sich ab, die
haben ihre eigenen Gesetze, sind ein Volk für sich. Ihre vergleichsweise hohen
ethischen Ansprüche machten sie für manche attraktiv, andere lehnten sie gerade
deswegen ab. Eigentlich sind das alles Eigenschaften, die auch für die
christlichen Gemeinden kennzeichnend waren: Das Bewusstsein, in einem
besonderen Sinne „Gottes Volk“ zu sein, einladend, aber doch mit einer
deutlichen Abgrenzung gegenüber der Umwelt und mit einer verbindlichen
Lebensführung. Die Verdächtigungen und Vorbehalte, die die jüdische Synagoge
getroffen haben, konnten genauso gut die christliche Gemeinde treffen.
Das ist wohl ein Aspekt der Antwort auf die Frage, warum Paulus so
scharfe Worte über die Juden ausspricht. Christliche und jüdische Gemeinden
waren einander sehr ähnlich, und das ist eine Beobachtung, die man ja oft
machen kann – in der Religion, aber auch in der Politik: Gerade die Gemeinden,
Gruppierungen und Parteien, die einander am nächsten stehen, bekämpfen sich am
heftigsten. Juden und Christen als feindliche Brüder, die, weil sie sich so nahe stehen, besonders deutlich die
Grenzen markieren, die Unterschiede betonen. Paulus ist ja im Neuen Testament
auch nicht der einzige, der eine solche Rhetorik gebraucht; ähnliche Töne
können wir auch an anderen Stellen hören, etwa im Matthäus- und im
Johannesevangelium oder in der Johannesoffenbarung. Diese Auseinandersetzungen
hatten durchaus ganz konkrete Hintergründe: Die christliche Botschaft ist auf
offene Ohren vor allem bei Menschen gestoßen, die schon vorher ein positives
Verhältnis zum Judentum hatten; es handelte sich also um eine missionarische
Konkurrenz zwischen Kirche und Synagoge.
Vielleicht
können wir uns das an einer entsprechenden Streitfrage unserer Zeit deutlich
machen: Die Jüdische Gemeinde in Deutschland reagiert sehr scharf auf Versuche
von Christen, Juden das Evangelium zu sagen. Es geht bei diesen
evangelistischen Bemühungen vor allem um Juden, die aus den Ländern der
ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kommen. Diese versuchen auch die
jüdischen Gemeinden in ihr Gemeindeleben zu integrieren und wieder mit den
jüdischen Traditionen vertraut zu machen. Auch hier gibt es eine missionarische
Konkurrenz, die heftig umstritten ist – auch innerhalb der Kirche. Vor allem aber
treten Juden selbst christlichen Evangelisationsversuchen mit schärfsten Worten
entgegen. So bezeichnete der Baden-Württembergische Landesrabbiner Joel Berger
solche Aktivitäten als einen „Holocaust mit anderen Mitteln“. Diese
Formulierung lässt sich nach meiner Überzeugung nicht rechtfertigen und es wäre
gut gewesen, wenn sich die Kirchenvertreter, die Zeugen dieser Worte gewesen
sind, gegen diese Formulierung verwahrt hätten. Aber es macht deutlich, wie
sensibel solche Fragen sind, natürlich vor allem auf dem Hintergrund der Leidensgeschichte
des Judentums und der Schuldgeschichte der Kirche.
Wie können wir
nun mit den harten Worten des Paulus umgehen, die er über die Juden seiner Zeit
ausspricht? Erst einmal ist es ganz wichtig, festzuhalten, dass hier ein Jude
über Juden redet. Sicher, er redet hier so, als würde er nicht dazugehören,
aber es bleibt ja dabei, es handelt sich um eine innerjüdische Kritik. Wenn wir
uns heute diese Worte zu eigen machen würden, dann wären es nicht mehr
dieselben Worte. Wenn zwei dasselbe sagen, dann ist es noch lange nicht
dasselbe. Wir können und sollen versuchen zu verstehen, warum Paulus diese
Worte gewählt hat, wir sollten sie aber nicht – gewissermaßen als zeitlose
Wahrheit über das Judentum – wiederholen. Ich denke, dafür spricht auch, dass
Paulus selbst, soweit wir wissen, solche Worte nicht wiederholt hat. Am letzten
Sonntag [dem Israel-Sonntag] ist über einen Abschnitt aus dem Römerbrief
gepredigt worden, in dem Paulus über Israel nachdenkt. Da herrscht nun wirklich
ein anderer Ton, aber auch eine Hoffnung für die Juden, die Christus bisher
ablehnen, die wir im 1. Thessalonicherbrief nicht finden. Vielleicht ist Paulus
in den Jahren, die zwischen dem 1. Thessalonicherbrief und dem Römerbrief
liegen, wirklich zu einer besseren Erkenntnis in dieser Frage geführt worden.
Heute begegnet man der Kirche in Deutschland selten
mit offener Feindschaft. Wirklich feindlich steht der Kirche nur eine kleine,
aber lautstarke Minderheit gegenüber, die Glauben und Religion überhaupt für
rückständig oder sogar gefährlich hält. Freundliche, manchmal auch
unfreundliche Gleichgültigkeit würde besser beschreiben, was wir von vielen
Menschen erfahren. Die Thessalonicher haben wirklich offene Feindschaft
erfahren, und für Christen in vielen Gegenden der Welt ist das die tägliche
Realität. Paulus hat sich hier wirklich im Ton vergriffen; er will die
Thessalonicher in ihrer Erfahrung von Widerstand und Anfeindung stärken. Ihre
Identität als christliche Gemeinde, als dem Volk Gottes, dem seine besondere
Aufmerksamkeit gilt. Die aber der Feindschaft, die sie erfährt, nicht wiederum
mit Feindschaft begegnet. Deshalb soll ein Wort des Paulus, das er den
Thessalonichern am Ende des Briefes mit anderen Worten sagen wird, am Ende der
Predigt stehen: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das
Böse