Kirchsaal Kanzel

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Liebe Leserinnen und Leser,

die Märkte müssen endlich geregelt werden. Wer wollte dem widersprechen? Wer es dennoch wagt, würde sich dem Verdacht aussetzen, einem zügellosen Wirtschaften das Wort reden zu wollen. Aber wer will das schon – zumindest nicht offen und öffentlich!? Die Geschäfte laufen ohnehin immer besser, wenn man nicht über sie spricht. Zuviel Aufsehen bringt Neider auf den Plan und mit ihnen eine der lässlichen Neiddebatten. Ist doch eigentlich alles in Ordnung! Was ja nicht ausschließt, dass ein paar Regeln vielleicht doch ganz hilfreich sein könnten …

Gewiss denken Sie jetzt: wieder ein Kommentar zur aktuellen Finanzkrise. Doch was uns so aktuell erscheint, weist in die Zeit des Propheten Amos zurück, um das Jahr 750 v. Chr. Das Bild, das er von der Lage im damaligen Israel zeichnet, läßt uns vieles wiedererkennen: die einen häufen Besitz und Luxusgüter aufeinander und leben in einer Fülle, die kaum vorstellbar ist. Zur Durchsetzung ihrer Geschäfte sowie zur Abwehr unliebsamer Kritiker haben sie ihre Experten an der Hand. Man kennt sich und hilft sich. Die anderen haben oft nicht mehr als das buchstäblich letzte Hemd auf dem Leib. Grund und Boden sind verpfändet oder befinden sich schon in der Hand der Einflussreichen. Der Prophet benennt dieses Unrecht, ohne auf Ausgewogenheit zu achten. Denn was da geschieht, widerspricht den Geboten Gottes und damit allen Grundsätzen der Gerechtigkeit, die verhindern sollen, dass die einen immer reicher und die anderen immer ärmer werden. Und auch das kommt uns bekannt vor: die Einfluss-Reichen wollen sich nicht nachsagen lassen, sie hätten keine spirituellen Bedürfnisse. Religion hat durchaus seinen Wert. Da ist man dann auch bereit, etwas zu investieren. Es soll ja schön sein. Man will sich wohlfühlen. Das erhebt die Seele, verpflichtet einen aber zu nichts. Alles das können Sie im fünften Kapitel des Amos nachlesen. Dort steht auch der Satz, mit dem die soziale Ordnung wieder ins Lot gebracht werden könnte: „So spricht der HERR zum Hause Israel: Suchet mich, so werdet ihr leben“.

Die Verhältnisse sind aus den Fugen geraten, weil die Menschen Gott beiseite geschoben haben und damit jede Verantwortung. Doch wer sein Leben auf diese Weise sichern will, wird es verlieren. Denn Not und Unrecht zerstören eine Gesellschaft. Sie sind wie ein schleichendes Gilft, das alles durchdringt. Am Ende werden die Einfluss-Reichen nur ‚leben‘ können, wenn sie sich – wie längst in vielen Regionen unserer Welt üblich – in uneinnehmbare Festungen zurückziehen, von Bodyguards bewacht. „Doch was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber Schaden nimmt an seinem Leben“ – so fragt Jesus (Matthäus 16,26) und bringt damit auf den Punkt, was auch der Prophet Amos meinte. Wer sein Leben als Gabe begreift, die Gott ihm bzw. ihr gegeben hat, wird mit dieser Gabe verantwortlich umgehen: das Leben und seine Gaben also nicht nur zum eigenen Nutzen, sondern auch zur Wohlfahrt anderer, vor allem der Schwachen, einsetzen. Was das im einzelnen bedeutet, bis hinein in die Regeln unserer Wirtschaftsordnung, darüber muss gestritten werden – „in der Verantwortung vor Gott und den Menschen“, wie es im Vorspruch zu unserer Verfassung heißt.

Es grüßt Sie Ihr Pfr. Bernd Krebs

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