Warum Paul Gerhardts gedenken?
Aus Anlass seines 400. Geburtstages ist Paul Gerhardt dieser Tage in aller Munde. Auch Prof. Andreas Marti, den viele aus unserer Gemeinde aus den jährlichen Cembalo-Konzerten kennen, hat hierzu 2006 einen Aufsatz im Heft 2 der Arbeitsstelle Gottesdienst der EKD veröffentlicht. Wir drucken eine gekürzte Fassung ab.
Die Hindernisse, Paul Gerdardts Lieder heute zu rezipieren, sind nicht gering. Denn die Substanz mancher Texte ist nicht mehr ohne weiteres nachzuvollziehen, jedenfalls nicht unkommentiert. Nehmen wir das Menschenbild, das uns in vielen Liedern des 16. und 17. Jahrhunderts entgegentritt: Der Mensch ist schwach, Krankheiten, Kriegen, Missernten, den Launen der Politik ausgeliefert. Als Sünder ist er unfähig zum Guten, es bleibt ihm nur die Hoffnung auf Gottes Gnade und auf ein Leben in einem besseren Jenseits. An der Realität des „Jammertals“ kann er wenig und nichts ändern. Das entsprach durchaus den Bedingungen, unter denen die Menschen in den damaligen Obrigkeitsstaaten lebten – für heutige Ideale mündiger und verantwortlicher Staats- und Weltbürger ist es nicht akzeptabel, auch wenn wir alle wissen, dass solche Ansprüche nur zu oft nicht eingelöst werden können. Christlicher Glaube hat immer die Kraft gehabt, sich in unterschiedliche gesellschaftliche und politische Kontexte einzupassen. Ändern sich diese, kann falsch werden, was einmal richtig war. Davon können auch zentrale Inhalte wie die traditionelle Interpretation der Passion Jesu betroffen sein, die die vielschichtigen biblischen Erzählungen zu dem durchkalkulierten Vergeltungssystem der Satisfaktionstheorie verengt hat. Betroffen ist letztlich sogar die altkirchliche Trinitätslehre, die zwar durchaus auch heute Kraft und Sinn entfalten kann, aber dann aus den Begriffen der spätantiken Philosophie befreit werden müsste – das aber wollen und können Texte aus dem 17. Jahrhundert nicht leisten.
Sprachliche Gestalt wie theologische Aussage können für manche Texte Gerhardts – und nicht nur für sie – eine mehr oder weniger deutlich spürbare Fremdheit und Distanz entstehen lassen. Man könnte versucht sein, diese Distanz vorschnell zu überbrücken und theologisch auf die überzeitliche Gültigkeit von Glaubenswahrheiten verweisen, ästhetisch auf die intuitive Rezeption kunstvoll gestalteter Sprache.
Die theologische Argumentation würde aber im Grunde von Zeitgenossen verlangen, Glaubensweisen der lutherischen Orthodoxie als Voraussetzung für ein angemessenes Verständnis Gerhardts zu übernehmen. Distanz zu überspringen, Fremdheit zu überspielen, hilft darum nicht viel weiter. Vielmehr muss die Fremdheit benannt, wahrgenommen, ausgehalten werden.
Wer singt, tritt physisch ungleich stärker mit dem Gesungenen in Kontakt, als wer einen Text nur liest oder hört oder ein Bild ansieht. Wie aber kann ich mich von etwas distanzieren, das ich zugleich unter Einsatz von Körper, Seele und Geist zum Klingen bringe? Es spielt nämlich auch noch die biographische Komponente mit: Wer schon als Kind sich ein Lied angeeignet hat, nimmt es häufig als „eigenes“ durch das ganze Leben mit, ohne sich an veralteten Ausdrücken oder inhaltlichen Diskrepanzen zu stören – die Distanz ist weggefallen, weil das Lied aus der eigenen und nicht aus einer fremden Geschichte kommt.
Vieles läuft dabei auf der emotionalen Ebene ab, und da kommt natürlich die Musik ins Spiel. Die Vertrautheit einer Melodie, die oft wie ein Begleiter auf dem Lebensweg erlebt wird, überspielt auf der emotionalen Ebene die Diskrepanzen auf der intellektuellen, textlichen. So ist es plausibel, dass wir Bach'sche Kantaten mitsamt ihren häufig doch etwas sonderbaren Texten als Musik durchaus hören und verstehen können, die Texte allein aber allenfalls als literaturhistorische Kuriosa behandeln würden. Grundsätzlich (wenn auch mit graduellen Unterschieden) ist es bei Paul Gerhardt wohl dasselbe. Hätten seine Gedichte nicht die kongenialen Vertonungen von Johann Crüger und Johann Georg Ebeling erfahren, wären sie nicht in vielen kirchenmusikalischen Kompositionen immer wieder zum Klingen gekommen, hätten nicht Generationen sie sich singend angeeignet – ein Gerhardt-Gedenken wäre heute höchstens die Angelegenheit eines auf Barock spezialisierten Forschungsseminars. So aber kann es Anlass sein, die Gerhardt-Rezeption auch als paradoxes Phänomen in den Blick zu nehmen, und zur produktiven Erinnerung jenseits von distanzloser Identifikation und bedeutungsloser Distanz werden lassen.