Rückblick: 48-Stunden-Neukölln 2010
2010 fanden im Rahmen des 12. Kunst- und Kulturfestivals 48-Stunden-Neukölln in unserem Garten einmal keine Musikveranstaltung und auch kein Gemeindefest statt. Stattdessen gab es zum Thema Ankunft in der Fremde eine Ausstellung mit Zeichnungen von Valio Carvalho: Die im Nachbarhaus wohnende, charmante Künstlerin, Dozentin und Kulturmanagerin aus Bolivien vermittelte mit aus dem Alltag vertrauten Zeichnungen und Illustrationen sowie subjektiven Textpassagen den Prozess des Lernens und Erkennens, nicht nur der neuen Umwelt sondern auch von sich selbst. „Nach zwei Jahren bin ich nicht mehr da, wo ich herkomme, ich bin fast hier, wo ich jetzt wohne.“
Den feinfühligen, zum Nachdenken, Einfühlen und Gespräch herausfordernden Zeichnungen kann sich der Zuschauer nur schwer entziehen. Immer wieder kam es zwischen der anwesenden Künstlerin und den Besuchern zum Dialog. Viel mehr jedoch verharrten die Betrachter still vor den Zeichnungen, wohl auch, weil diese gleichermaßen persönlich wie allgemeingültig-abstrakt wirken. Und mit der ebenso homogenen wie vielschichtigen, ja bruchhaften Aussage, die allen gezeigten Bildern eigen ist, passte die Ausstellung gut zum Thema Auszug und Ankunft – dem Titel unserer viel beachteten Broschüre, die schon in zweiter Auflage über den Weg der böhmischen Exulanten nach Rixdorf berichtet.
So wie diese Siedler und Gründer unserer Gemeinde anfangs mit Argwohn und Ausgrenzungen durch die einheimischen „Deutsch-Rixdorfer“ zu kämpfen hatten, muss es den heutigen Migranten und ihren Familien in unserem Bezirk gehen: Einstmals aus wirtschaftlichen Gründen angeworben, weil das Land nach Kriegen und Not entvölkert bzw. die Arbeit mit den vorhandenen Kräften nicht zu schaffen war, sehen sich deren Kinder und Enkel heute vor teilweise unlösbare Probleme gestellt: Die (Groß-) Eltern wollten sich zumeist nur eine finanzielle Basis für die Rückkehr in ihre (alte) Heimat schaffen. Die Jüngeren erwarten – eigentlich ganz selbstverständlich – vor allem Chancengleichheit in Schule und Beruf sowie in der Gesellschaft.
Einen ermutigenden Eindruck vermittelte die Podiumsdiskussion zum Thema Jenseits der Schlagzeilen – Zuwanderung und Integration in Neukölln, die von Pfr. Dr. Krebs souverän geleitet und einfühlsam moderiert wurde. Vertreter verschiedener Organisationen und Vereine stellten Projekte und deren Erfolge (wie auch gelegentliche Misserfolge) vor, wie sich die Integration in unserem Bezirk noch besser und vor allem gerechter, menschlicher gestalten lässt.
Neben Pastor Sadegh Sepehri und Herrn Aziz Sadaghiani von der iranisch-presbyterianischen Gemeinde waren dies Frau Idil Efe, Leiterin des Projekts Neuköllner Talente bei der Bürgerstiftung Neukölln, gefördert von der Aktion Mensch, und Frau Nilgün Hascelik, Generalsekretärin des Türkisch-Deutschen Zentrums sowie Herr Alimamy Sesay als Vertreter der United Brethren Church in Christ und des Afrikanischen Christenrats in Berlin.
Während alle Diskussionsteilnehmer die Teilhabe am öffentlichen Leben und unserem Gemeinwesen als Voraussetzung sinnvoller Integration begreifen und fordern, erweisen sich die sprachlichen und familiären, zumeist auch generationsbedingten Schwierigkeiten hierbei als ebenso hinderlich wie einige Vorschriften des Ausländerrechts: Erstere lassen sich noch mit einfachen Mitteln wie Sprachförderung und Hausbesuchen erleichtern oder beheben, letztere führen im Einzelfall nicht selten zu absurden Situationen. Die teilweise überholten Gesetze zu ändern erscheint als vorrangig und im Hinblick auf die demographische Entwicklung zumindest auf kommunaler Ebene auch als möglich.
Als Folge der vom Regierenden Bürgermeister zur Chefsache proklamierten Integrationspolitik gibt es ein erstes Eckpunkte-Papier zur Vorbereitung des vom Senat geplanten Berliner Integrationsgesetzes. Leider sind darin die wichtigsten Themen Erziehung und Bildung kaum erwähnt. Demgegenüber hat der neue Bundespräsident in seiner Antrittsrede Bildung und Integration als wichtigste Aufgaben bezeichnet.
Gelebte Integration ist mehr als eine gelegentliche Diskussionsrunde: Es
wurde von den Teilnehmern freimütig auf Irrwege, Miss- und Widerstände
in der täglichen Arbeit hingewiesen, womit sich die Runde wohltuend von
Sonntagsreden und Plädoyers durch Politiker und „Berufsbetroffene“
abhob. Aufgrund des attraktiven Kulturangebots zu 48-Stunden-Neukölln
und auch wegen des guten Wetters war diese Veranstaltung leider nur
spärlich besucht. Es wäre zu begrüßen, wenn sich mehr Mitbürger eine
solche Gelegenheit zur Information und Diskussion nicht entgehen ließen.
Ab- und Ausgrenzung sind eine Verletzung des Gebotes der Nächstenliebe
und führen zwangsläufig irgendwann zu so genannten
Parallelgesellschaften, zur Ghettoisierung.
Begriffe wie die Ausländer, die Parallelgesellschaft und der Islam
sollten nach Überzeugung von Pfr. Krebs tunlichst vermieden werden, sie
schaffen Vorurteile und grenzen aus. Fehlendes Interesse und mangelndes
Verständnis füreinander verhindern zudem die Chancen für das notwendige,
friedliche Miteinander. Wenn Personengruppen als fremd und unwillkommen
angesehen werden, ist es nicht mehr weit zu lautstarken Parolen und
Aggression. Diese Gefahr besteht vor allem in Zeiten wirtschaftlicher
Perspektivlosigkeit und Not. Es kann aber keiner wollen, dass unsere
Gesellschaft in die Zeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit
deren unsäglichen Folgen zurückversetzt wird.
Integration besteht aus Geben und Nehmen, es kann nur funktionieren,
wenn auf beiden Seiten der Wille dazu und auch Verständnis für fremde
Lebensweisen und Mentalitäten vorhanden ist. Wer nicht miteinander
spricht, erfährt nichts von den oft demütigenden Erlebnissen und Ängsten
des jeweils anderen. Und auch nichts über die individuellen
Lebensweisen, Fähigkeiten und Erfahrungen, die einen selbst bereichern
können. Vor allem aber verschließt dieser sich den Chancen, die eine
offene Gesellschaft in einer immer „globaler“ werdenden Welt bietet:
Wer als Migrant in der Fremde ankommt, ist zunächst Vertreter seiner
Heimatkultur. Später wird er zum Botschafter und Multiplikator dessen,
was er hier – bei uns – kennen gelernt und angenommen hat. Dies kann,
neben dem Interesse an unserer Lebensweise, unterschiedlichste Formen
annehmen: Wer länger hier lebt, fühlt sich der deutschen Mentalität oft
näher als der seiner Vorfahren. Wenn erfolgreich deutsche Markenprodukte
vom Auto bis zur Waschmaschine in der Türkei und anderswo verkauft
werden, hier also Arbeitsplätze gesichert werden, hat das auch damit zu
tun, wie dort deutsche Kultur und Leistungen verstanden und anerkannt,
teilweise sogar bewundert werden. Ganz ohne Gesetze.
Sprechen wir miteinander, respektieren und helfen wir den Neubürgern, so
wie wir uns Achtung, Hilfe und ggf. Integration in der Fremde erhoffen.
Dies kommt uns allen zugute, jedem einzelnen. Und wer einmal Urlaub in
der Türkei gemacht hat, ist beschämt von der dortigen Gastfreundschaft.
Vor allem aber von dem schwärmerischen Lob, das Deutschland selbst von
denen gezollt wird, die hier nicht gut „behandelt“ wurden. Wie man mit
Ausländern umgeht, sagt auch viel über einen selbst. Denn Fremde sind
wir alle, fast überall. Deshalb geht Integration jeden an, nicht nur 48
Stunden im Jahr.
Dass Fremdsein oder Andersaussehen nicht gleichbedeutend sein muss mit
Vorurteilen und Ablehnung, zeigte sich zuletzt beim WM-Auftritt unserer
Fußball-Nationalmannschaft: 11 der 23 Spieler haben einen so genannten
Migrationshintergrund, einige von diesen gehören inzwischen zu den
größten Leistungsträgern und beliebtesten Sportlern überhaupt. Und weil
sich unsere Gemeinde nun einmal mitten im Rixdorfer Kiez und an der
Grenze zu Nord-Neukölln befindet, wollen wir zu diesem vielschichtigen,
schwierigen Thema Integration weitere Veranstaltungen folgen lassen. Zur
inhaltlichen und organisatorischen Mitwirkung rufe ich bereits jetzt
alle Gemeindeglieder und deren Freunde, auch aus anderen Kulturen, auf.
Peter Laborenz
