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Psalmensingen im Gottesdienst – 450 Jahre Genfer Psalter

Zugegeben: manche der alten Psalmenmelodien, die wir im 1. Teil unseres Gesangbuches finden, sind für uns nur noch schwer singbar. Unsere Vorstellungen von Harmonien und Rhythmus haben sich verändert. Die „Dreiklangs- und C-Dur-Seligkeit“, die uns aus den Volksmusiksendungen entgegenschallt, heutige Kinderliederproduktionen, aber auch manche „moderne“ Kirchentagsschlager tragen dazu bei, dass das Repertoire für singbar gehaltener Melodien zudem immer schmaler wird. Doch kulturpessimistisches Klagen hilft nicht weiter. Vielmehr gilt: allein was uns herausfordert und zum Üben zwingt, wird unseren musikalischen Horizont erweitern. Deshalb bemühen wir uns in der Bethlehemsgemeinde seit langem, jeden Sonntag mindestens einen Psalm aus dem „Genfer Psalter“ zu singen, der 1562 erstmals erschien und zu den am weitesten verbreiteten Liedsammlungen aus der Reformationszeit gehört. Die revidierte Fassung, die wir benutzen, enthält viele neu bereimte Psalmen. Das erleichtert den Zugang.
Johannes Calvin hatte das Psalmensingen während seines Aufenthaltes in Strassburg kennengelernt und 1539 eine erste Sammlung zusammengestellt und drucken lassen. Sie bestand zunächst nur aus 19 bereimten Psalmen und Gesängen. 1541 nach Genf zurückgekehrt betrieb Calvin das Projekt weiter. Die Gemeinde sollte zu einer singenden Gemeinde werden.

Das Psalmensingen gehörte für Calvin zum öffentlichen Gebet. Im gemeinsamen Singen der biblischen Gebete werde die Gemeinde auferbaut. Sie werde angeregt, die Herzen zu Gott zu erheben und  Gott zu loben. Calvin war jedoch davon überzeugt, dass die Melodien, die man im Gottesdienst sang, einen anderen Charakter haben müssten als die Musik, mit der man sich zu Hause oder bei Tisch vergnügte. Die im Gottesdienst verwandten Melodien sollten „poids & majesté“ haben, also Gewicht und Vornehmheit. Das bedeutete, dass nur zwei Notenwerte zur Anwendung kamen; das Singen von mehreren Noten auf einer Silbe, wie das in der Gregorianik üblich war, wurde vermieden. Außerdem war die Wahl der jeweiligen Kirchentonart vom Text her bestimmt, das heißt für die Bußpsalmen wählte man andere Tonarten aus als für die Lobpsalmen. Der Eindruck, der daraus für unsere heutigen Ohren entsteht, ist der einer gewissen „Strenge“. Doch damals war das Singen in den Kirchentonarten ganz selbstverständlich. Die heute gebräuchlichen Tonarten entstanden erst später. In der Französischen Kirche zu Berlin wird in diesem Jahr in jedem Monat ein anderer Psalm mit der Gemeinde im Gottesdienst „eingeübt“. Dabei hat man überwiegend Bereimungen ausgewählt, die neueren Datums sind. Das ist eine gute Idee, die wir aufnehmen sollten. Im Februar werden wir den Psalm 115 mit dem Text von Matthias Jorissen singen, im März den Psalm 39 mit der Bereimung durch Detlev Block.

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