Die Geister, die man ruft …
Ein Bericht aus Japan –
(nippon)
Erhebt man in Kyoto Mitte August seine Augen zu den Bergen, die die Stadt von drei Seiten umgeben, kann man Besonderes sehen. Buchstaben aus Feuer erhellen für einige Stunden den Nachthimmel. Es sind Wegweiser für die Ahnen. Zum Abschluss des dreitägigen O-Bon[
]-Festes sollen sie den Geistern der Verstorbenen nach ihrem Besuch in der Stadt den Weg zurück in ihre jenseitige Welt erleuchten.
Seit Jahrhunderten glauben die Menschen in Japan, dass einmal im Jahr im Sommer die Seelen ihrer Ahnen für drei Tage in die Welt der Sterblichen zurückkehren. Sie werden im Haus der Familie erwartet, mit Speisen versorgt und mit Gebeten begrüßt. Ausnahmsweise haben fast alle Japaner in diesen Tagen einmal frei, so können sie in ihre jeweilige Heimatstadt reisen und sich dort mit den lebenden und toten Familienmitgliedern vereinen. Zwar gibt es auch spezielle tradierte Rituale, die an den großen shintoistischen Schreinen zelebriert werden. Doch die meisten Familien gedenken auf persönliche und unspektakuläre
Weise ihrer Toten. Man geht zu den Gräbern, verbrennt Räucherstäbchen
und bringt den Verstorbenen frischen Reiswein oder Süßigkeiten. Dass
diese nichtverzehrt werden, ist kein Problem. Auf die Geste kommt es an.
Denn wer den toten, aber doch noch immer einflussreichen Seelen keinen
ausreichenden Respekt zollt, riskiert Unheil. Den Vorfahren gebührt
dabei ebensolche Ehre wie den zahlreichen Naturgeistern, die nach
uralter Vorstellung Berge, Flüsse, Bäume und Wälder bevölkern. Sie sind
unsichtbar und halten sich stets nur für eine begrenzte Zeit an einem
Ort auf. Im Guten wie im Bösen aber können sie sich in das Leben der
Menschen einmischen und dürfen daher nicht verärgert werden.
Schon bald nachdem im 6. Jahrhundert n.Chr. erstmals buddhistische
Lehren über China den Weg nach Japan fanden, begann man bestimmte
Geister und Gottheiten, die schon seit alter Zeit in Japan verehrt
worden waren, dem Schutz des Buddha zuzuordnen, und mancherorts steht
bis heute ein shintoistischer Schrein am Eingang eines buddhistischen
Tempelbezirks. Nicht nur den sterblichen Menschen, sondern auch dem
ewigen Buddha sollte das Wohlwollen der Geister zu Teil werden.
So
weit gehen die Kirchengemeinden nicht. Der Geist –
(rei), den man zu
Pfingsten erwartet, wird zwar mit demselben Schriftzeichen geschrieben
wie die Naturgeister. Aber das Prädikat „heilig“ –
(sei) – erhält nur
er, der Heilige Geist –
. Mit dieser Ausschließlichkeit allerdings tun sich die meisten
Japaner schwer. Nur etwa ein Prozent der Bevölkerung sind Christen. Die
große Mehrheit bezeichnet sich als ‚unreligiös‘ und mischt,
gewissermaßen für den aktuellen Bedarf, die Bräuche verschiedener
Religionen. Je nach Lebenslage wendet man sich an einen shintoistischen
oder buddhistischen Priester, die dann bestimmte Rituale oder Gebete
verrichten, im Falle einer Hochzeit durchaus auch an einen christlichen
Geistlichen, denn es ist schick in Weiß zu heiraten. Ganz
selbstverständlich wird aus der Menge an Glück verheißenden oder Unheil
abwendenden Amuletten und Zeremonien ausgewählt. Geglaubt wird, was
gerade nützlich erscheint, ohne dass man sich dauerhaft auf eine
Religion festlegen müsste.
Natürlich ist es eine enorme
Herausforderung, diesem flexiblen Umgang mit Religion einen
glaubwürdigen christliche Lebensentwurf entgegen zu setzen. Auf den
Beistand der einheimischen Geister völlig zu verzichten und stattdessen
sein ganzes Vertrauen auf einen Einzigen zu setzen, erscheint vielen
Japanern nahezu absurd. Dass dieser Eine jedoch in seiner Ungreifbarkeit
und Unerreichbarkeit womöglich hinter all den übrigen Geistern steht,
macht das Christentum für manchen doch wieder interessant.
Petra Schmidtkunz
Rotes Tor (torii genannt), typischer Eingang zum Bereich eines Schreins. Niemand weiß genau, warum diese Tore so aussehen wie sie aussehen, aber die Form und orange-rote Farbe sind charakteristisch. Daran ob es ein Torii gibt (oder auch mal mehrere), erkennt man, dass dahinter ein Schrein und nicht etwa ein buddhistischer Tempel liegt.
Lampion mit einer stilisierten Chrysantheme, das Symbol des japanischen Kaiserhauses (woran man erkennt, das die strikte Trennung von Religion und Staat wirklich vor allem in der Theorie existiert, denn die Laterne befindet sich wiederum am Eingang zu einem Schrein).
Zwei Felsen aus der Nähe des großen Schreins von Ise, dem bedeutendsten shintoistischen Schrein Japans. Mit Tauen werden im Shintoismus traditionell sakrale Bereiche abgegrenzt und gelegentlich auch heilige Bäume, Steine und dergleichen ausgezeichnet. Die Besonderheit der beiden Felsen an der Küste vor Ise besteht darin, dass sie als Mann und Frau, d. h. als Paar betrachtet werden. Außerdem geht zu einer bestimmten Zeit des Jahres die Sonne genau zwischen den beiden Felsen auf. Es ist deswegen ein besonders romantischer Ort, an dem viele Menschen um Liebesglück beten.
Die Autorin am Eingang zu einem Tempel in Kamakura, südlich von Tokyo (und am oberen Rand die für Japan typische Kiefer, neben Bambus und Pflaume als glückbringende Pflanze verehrt). In Kamakura hatte sich im Mittelalter zeitweilig ein Oppositionslager gegen den in Kyoto residierenden Kaiser zusammengerottet. Heute ist die Kleinstadt für ihre große Dichte an alten Schreinen und Tempeln berühmt.



