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Der Wille der Menschheit

Die politischen Umbrüche in der arabischen Welt lenken unseren Blick auf die vor über zweihundert Jahren in Deutschland im Zeichen der Aufklärung geführten Kämpfe. Unser Weg in die Demokratie war lang und dornenreich. Das Errungene ist nicht selbstverständlich, es muss allezeit verteidigt und weiterentwickelt werden. Der Protestantismus hat hier entscheidend dazu beigetragen, die gesellschaftlichen Verhältnisse aufzubrechen, um sie menschengemäß gestalten zu können. Die folgenden Gedanken des reformierten Theologen und Berliner Hof- und Dompredigers Friedrich Ehrenberg (1776–1852) veranschaulichen dies.

Martin A.Völker

Die Menschheit will äus sern und innern Wohl s t and aller ihrer Glieder […] Darum unterstützt der edle Mensch, ohne Rücksicht auf Privatvortheil, jede gemeinnützige Anstalt. Die Menschheit will al lgemeine Aufklärung. Darum befördert er Wahrheit und Licht, wenn er auch selbst ihr Opfer werden sollte.
Die Menschheit will fortdauernde Thätigkeit aller ihr angehörigen Kräfte. Darum ist dem Menschenleben heilig, der Ruf zu seiner Erhaltung und zu seinem Schutze in sich und andern ehrwürdig.
Die Menschheit will öffentliches Vertrauen unter allen ihren Individuen. Jeder soll sich auf den andern verlassen können; was jeder weiss, soll er recht wissen; was er durch andre erfährt, soll er ganz erfahren wie es ist. Wer den Einzelnen unrecht berichtet, hintergeht die Menschheit, vernichtet, so viel an ihm ist, jenes Vertrauen. Darum hält es der edle Mensch für Pflicht, die Wahrheit unverhohlen zu sagen.
Der Menschheit ist daran gelegen, dass jedem seine Wirkungssphäre gesichert sey, dass jeder habe was sein ist, empfange worauf er rechnen kann. Darum lässt der edle Mensch jedem was ihm zukommt, ohne Betrug und Berückung, darum ist ihm sein Wort so heilig wie ein Eidschwur.

[…]

Es ist der Menschheit Wille, dass alle gebildet und gebessert werden. Darum ist der edle Mensch überall dafür thätig, durch Worte und Handlungen, durch Lehre und Beyspiel. Darum duldet er nicht, dass Einer leide, Einer gedrückt und in schimpflicher Knechtschaft gefangen gehalten werde; darum hilft er, wo es in seinem Vermögen steht, auch mit grossen Aufopferungen; darum biethet er alle Kräfte auf, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen.
Der Menschheit ist daran gelegen, dass jeder auch da Gutes thue, wo er wohl das Re cht hätte, zu schaden. Darum ist der edle Mensch billig gegen Unvermögende, grossmüthig gegen Beleidiger, versöhnlich gegen Feinde.
Der Menschheit ist daran gelegen, dass ihre Individuen sich unter einander näher verbinden, zur gegenseitigen Erfüllung ihrer Pflichten, zur gemeinschaftlichen Beförderung ihrer Zwecke. Darum ist der edle Mensch ein treuer Freund, ein zärtlicher Gatte, und ein besorgter Vater.
Der Despot kann mir verbiethen, meine Ueberzeugung laut werden zu lassen, mich hindern sie andern mitzutheilen; aber in mein Inneres kann er nicht dringen; hier ist seine Herrschaft zu Ende. Er kann mich nicht hindern, eine Meynung zu haben; so wenig als er mich zwingen kann, ihr nicht nachzuleben.

Friedrich Ehrenberg: Die Veredlung des Menschen nach ihren Hauptmomenten, Bedingungen und Hülfsmitteln. Für alle, denen ihre moralische Bildung wichtig ist, und besonders für diejenigen, die dazu gesetzt sind, dieselbe bey andern zu befördern. Bd. 1, Leipzig 1803, S. 60–64 und S. 53 f.
 

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