Charles Darwin (1809–1882) – Der Stammvater des säkularen Moderne
Vor 200 Jahren, am 12. Februar 1809, wurde Charles
Darwin geboren, einer der einflussreichsten Naturforscher der Geschichte
überhaupt. Seine Bücher wurden und werden weit über den Kreis der
Biologen hinaus gelesen und seine Thesen diskutiert. Die von ihm
entwickelte ‚Evolutionstheorie‘ ist fester Bestandteil der Biologie und
bestimmt darüber hinaus Auffassungen der Sozial- und
Geisteswissenschaften, sie beeinflusst schließlich auch die Theologie.
Sein Werk stellt nicht allein einen Meilenstein in der
Wissenschaftsgeschichte dar, sondern erweist sich als grundlegend für
die säkulare Moderne überhaupt.
Vermutlich gibt es keine wissenschaftliche Theorie, über die in
größerem Ausmaß in der Öffentlichkeit diskutiert werden würde als über
den „Darwinismus“. Noch immer, nach den 150 Jahren, die seit 1859, dem
Jahr der ersten Veröffentlichung des grundlegenden Werkes On the Origin of Species by Means of Natural Selection, on the Preservation of the Favoured Races in the Struggle of Life.
(„Vom Ursprung der Arten durch natürliche Auswahl und die Erhaltung
erfolgreicher Rassen im Kampf ums Überleben“) vergangen sind, halten die
Gedanken des englischen Forschers nicht nur Biologen, Historiker,
Philosophen und Theologen, sondern ein breites Publikum in Atem.
Erstaunlich ist die Heftigkeit, mit der zuweilen noch immer um das Für
und Wider einer Theorie gestritten wird und deren Schärfe den zu
Lebzeiten Darwins geführten Diskussionen wohl kaum nachstehen dürfte.
Der Grund für diese auf den ersten Blick merkwürdig erscheinende
Aktualität liegt nicht zuletzt darin, dass der „Darwinismus“ längst mehr
und etwas anderes ist als ein Geflecht wissenschaftlicher Thesen. Er
ist unter anderem eine Weltanschauung, die mit anderen Ideologien um
Einfluss und Anerkennung konkurriert. Er erscheint, nicht zuletzt durch
den enormen kommerziellen Erfolg, den Richard Dawkins' „Der Gotteswahn“
auch in Deutschland hatte, als eine Art Wunderwaffe des Atheismus: Kein
halbwegs vernünftiger Mensch kann Dawkins zufolge ernsthaft religiöse
Überzeugungen teilen; es sei die von Darwin ausgehende Biologie, die
erstmals Falschheit, ja Schädlichkeit religiöser Auffassungen mit den
Mitteln der Wissenschaft zu beweisen gestatte. Auf der anderen Seite
wird von so genannten Fundamentalisten so getan, als sei die Erzählung
von der Erschaffung der Welt in sechs Tagen am Anfang der Bibel eine in
ähnlicher Weise diskutable „Theorie“ wie die Evolutionslehre, letztere
aber gottlos und unmoralisch.
Derart ideologische Grabenkämpfe sind fruchtlos und vollkommen abwegig.
Aber auch dann, wenn man derartige Scharmützel einmal ausklammert,
bietet das Werk von Darwin den Boden für fortwährende Diskussionen, für
Weiterentwicklungen und Neuinterpretationen. Darauf kann hier nicht
eingegangen werden: Denn die Wirkungsgeschichte der Darwinschen Theorien
erstreckt sich nicht nur auf die Biologie, die ohne die
Evolutionstheorie schier undenkbar ist, sondern auch auf Theorien in
Natur- und Geisteswissenschaften. Die Geschichte des „Darwinismus“ ist
aufs engste verwoben mit großen Leistungen, die das Verständnis von
Lebensvorgängen, aber auch von anderen komplexen Prozessen (z. B. im
Bereich der Wirtschaft oder der Wissenschaftsforschung) auf eine völlig
neue Basis gestellt haben. Der „Darwinismus“ ist nicht weniger verwoben
in viele abstoßende Züge der jüngeren Geschichte: Er hat – im
Unterschied zu Darwin selbst – Rassismus und die Vernichtung
„lebensunwerten Lebens“ nachweislich begünstigt, er diente zur
Legitimation von brutaler Ausbeutung von vermeintlich unterentwickelten
Menschen. Seine Attraktivität über die Fachgrenzen hinweg erklärt sich
u. a. daraus, dass sich auch mit zweifelhaften oder gar verwerflichen
Mitteln errungener Erfolg als den Gesetzen der Natur entsprechend
legitimieren ließ: Erfolg war somit nicht nur eine Tatsache, sondern
siegreich aus dem „Kampf ums Dasein“ hervorzugehen wurde zur Befolgung
eines Gebotes. Gegenwärtig interessieren z. B. Fragen nach der
Entstehung von Ordnung aus Zufallsereignissen, die Angemessenheit von
Annahmen über die Gerichtetheit von Prozessen. Kurz: Die Geschichte des
Darwinismus ist über weite Strecken eine Geschichte der unsere moderne
Welt bestimmenden Ideen.
Nur zwei Aspekte können kurz gestreift werden. Zunächst soll der Kern seiner biologischen Theorie skizziert werden, dann derjenigen Bereich, der für Darwin eher am Rande des Interesses lag, dennoch für die Aufnahme seiner Theorien von erheblicher Bedeutung war: das Verhältnis zur Religion. Darwins Beitrag zur Wissenschaft besteht v. a. in einer Theorie über die Entstehung der Vielfalt des Lebens: die Evolutionstheorie. Sie ist nicht das Ergebnis von genauer Beobachtung oder einer spontanen Eingebung, sondern viele Jahre währender Denk- und Konzeptionsprozesse. Darwin hatte nach einem (abgebrochenen) Studium der Medizin und einem anschließenden der Theologie als junger Mann eine Weltreise auf dem englischen Forschungsschiff Beagle unternommen, die ihn u. a. auf die Galápagosinseln mit ihrer einzigartigen Fauna führte. Was er während dieser Reise sah, erfüllte ihn mit Staunen: die ungeheure Vielfalt der Lebewesen, ihre Schönheit und ihr sinnreicher Bau. Ganz im Rahmen derjenigen Auffassungen, die damals in England üblich waren, erblickte er in diesen Erzeugnissen die Spuren des weisen Schöpfers. In die Heimat brachte er eine Vielzahl von Tieren und Versteinerungen, die an die zoologischen Spezialisten der Museen geschickt wurden, um sie exakt zu identifizieren – Darwin selbst war damals weder ein erfahrener Biologe, noch war die riesige Zahl der mittlerweile bekannten Tiere von Nichtspezialisten überhaupt noch zu übersehen. Genau an diesem Punkt beginnt Darwins Evolutionslehre. Bei manchen der Exemplare nämlich ließ sich nicht eindeutig feststellen, ob es sich um Exemplare einer Art oder nur um Abweichungen (Varietäten) handelte. Ein solcher Fall aber ist nicht vereinbar mit der Auffassung, dass die Arten einmal geschaffen wurden und sich die einzelnen Individuen artidentisch vermehren. Nun lässt sich die klassifikatorische Unsicherheit auch in der Weise erklären, dass unser Wissen und die vorhandenen Systeme nicht ausreichen, um alles eindeutig zuzuordnen – man kann allerdings auch von der These ausgehen, dass scharfe Grenzen der Arten gar nicht wirklich existieren, sondern „Arten“ gewissermaßen einen Zustand beschreiben, den eine Gruppe von Einzelwesen mit sehr vielen gemeinsamen Eigenschaften zu einer bestimmten Zeit hat. Dann erweisen sich die Grenzen der Art nicht mehr als scharf, sondern als fließend: Die erste Voraussetzung der Evolutionslehre. Wie aber lassen sich die relativ große Stabilität dieser unscharf begrenzten Arten und vor allem ihre den Umweltbedingungen in so hohem Grade entsprechende Ausstattung erklären? Einer vor Darwin bereits von dem französischen Forscher Lamarck entwickelten Vorstellung zufolge ließ sich die Verschiedenheit von Arten erklären, indem primitive Organismen sich in einem über viele Generationen reichenden Prozess höherentwickelten, wobei nicht ein gemeinsamer Ursprung, sondern viele verschiedene Ausgangspunkte angenommen werden konnten, die spontan entstanden.
Darwins erste Skizze der Evoltuionstheorie im Sommer 1837.
Darwins eher angedeutete Antwort auf jene Frage verband sie mit
der Annahme wandelbarer, also „entstehender“ Arten. Ihr zufolge
produzieren Eltern stets mehr Nachkommen als überleben können. Da stets
kleine Varianten auftreten, haben diejenigen die besten Chancen,
wiederum Nachkommen zur Welt zu bringen, die einen bestimmten Vorteil
gegenüber den Konkurrenten haben. Sind solche vorteilhaften Varianten,
die rein zufällig auftreten, auch erblich, so entstehen Varietäten,
langfristig unter anderen äußeren Bedingungen evtl. eine neue Art. Die
Zufälligkeit und Richtungslosigkeit der Abweichungen und die
„Bevorzugung“ derer, die einen zuvor nicht absehbaren Vorteil aufweisen,
ist die zweite Säule der Evolutionstheorie.
Beides zusammen beschreibt einen Prozess, der vom Zufall bestimmt ist
und insofern ziellos verläuft. Es gibt daher keine Tendenz vom Niederen
zum Höheren, vom Schlechteren zum Besseren, sondern nur Veränderungen,
die in der überwiegenden Zahl der Fälle nicht erfolgreich sind oder
keinen die Art bedrohenden Schaden herbeiführen. Die Natur erscheint
perfekt und harmonisch – das aber ist der Schein, den die
Evolutionstheorie zertrümmert. Was perfekt und schön erscheint, ist eine
Ansammlung von Wesen, die in einem tödlichen Überlebenskampf durch
„Tarnung“, Schnelligkeit, Größe, Höhe der Nachkommenschaft u.dgl. so
angepasst sind, dass sie überleben konnten. Die Hand des weisen
Schöpfers, die Darwin einst in den Lebewesen voll Bewunderung hatte
walten sehen: sie wurde nicht mehr gebraucht.
Schließlich die dritte wichtige Voraussetzung der Evolutionstheorie: Die
Vielfalt der Arten ist auf einen gemeinsamen oder wenige gemeinsame
Ursprünge zurückzuführen, die sich allmählich ausdifferenziert haben.
Auch der Mensch, so Darwin in dem 1871 erschienenen Buch The Descent of Man
(Die Abstammung des Menschen), ist Produkt der Natur, ein naher
Verwandter der Affen. Merkwürdiger Weise hat gerade die enge
Verwandtschaft zwischen Affe und Mensch, ein Gedanke, der viel früher
und in anderen Zusammenhängen geäußert und akzeptiert worden war, damals
in der Öffentlichkeit den meisten Widerstand hervorgerufen. Galt der
Affe doch im Unterschied zu den typischen Haustieren wie Katze, Hund und
Papagei als böse, verschlagen und gefährlich, kurz als Bestie.
Nimmt man alles zusammen, so ergibt sich tatsächlich ein
theoretisches Geflecht, das sich von den religiösen Überzeugungen, die
Darwin selbst einst geprägt hatten, sehr weit entfernt hatte: Für den
Glauben an einen Gott, der in der Natur weise waltet und alles zum
besten lenkt, ließ die Evolution durch natürliche Auswahl keinen Raum.
Auch trat die Sonderstellung, die dem Menschen als geistigem Wesen
gegenüber den Tieren zukam, gegenüber der Kontinuität zu den Tieren in
den Hintergrund. Darwin fand bei vielen Tieren Verhaltensweisen
ausgeprägt, die nicht nur denen der Menschen ähnelten, sondern als deren
Vorformen zu gelten hatten: auch Tiere verfügen über das Empfinden,
gegenüber anderen benachteiligt zu werden und zeigen Eifersucht, sie
empfinden Scham, Dankbarkeit und Freude. Als Problem wurde damit
gestellt, inwieweit typisch menschliche Eigenschaften und Fähigkeiten
wie abstraktes Denken, Selbstbewusstsein, die Empfänglichkeit für
moralische Normen und religiöses Bewusstsein sich ins Tierreich
zurückverfolgen lassen, vor allem aber, welche Konsequenzen sich aus
einer Antwort ableiten lassen: Ist beispielsweise eine Verhaltensweise
beim Menschen dadurch legitimiert, die sich auch bei Menschenaffen
aufweisen und biologisch erklären lässt? Das Für und Wider einer zum
mindesten teilweise biologischen Begründung der Ethik gehört zu den
interessantesten Folgeproblemen des Darwinismus.
Im Unterschied zu vielen seiner Anhänger war Darwin bei der Behandlung
philosophischer und religiöser Fragen sehr zurückhaltend. Mochte er
selbst auch seinen einstigen Glauben verloren haben, so war sein
Verhältnis zur christlichen Religion von großem Respekt geprägt. Ihm war
bewusst, dass seine Theorien in weit höherem Maße als andere
wissenschaftlichen Umwälzungen der Vergangenheit die Grundlagen der
Religion überhaupt berührten. Wurde er darüber in sachlicher Form
befragt, so antwortete er vorsichtig, ohne seine eigene skeptische
Haltung anderen anzusinnen. Ein noch immer ergreifendes Zeugnis dieser
Haltung sind die Briefe, die er mit der zutiefst frommen Emma Wedgwood,
seiner späteren Frau, wechselte. Es liegt auf der Hand, dass er die
Spannung zwischen Wissenschaft und Religion für stark hielt: Den
unerbittlichen Konkurrenzkampf ums Überleben dem blinden Walten der
Natur zuzuschreiben erschien ihm erträglicher als Gott dafür
verantwortlich zu machen. Viel spricht dafür, dass er selbst der
Auffassung war, dass diese Spannung ausgehalten, nicht aber atheistisch
aufgelöst werden müsse. Nur vermuten kann man, dass mit Vernunft und
Einsicht unternommene Versuche, das Reden über Gott mit den Einsichten
der Biologie in Übereinstimmung zu bringen, ihm nicht missfallen hätten.
Darwin ist ein nach wie vor aktueller und viel diskutierter Autor. Nicht
zuletzt deshalb, weil seine theoretischen Konzepte in der
ursprünglichen Form nicht überzeugend sind. Kein Wunder: Wissenschaft
produziert keine Wahrheiten, sondern formuliert sinnvolle Probleme. Auch
dann, wenn die von ihm formulierten Theorien gerade für Christen
schmerzhaft sind, ist die Beschäftigung mit Darwin in mehrfacher
Hinsicht lohnend. Seine Einsichten über die Mechanismen, die
komplizierte Prozesse – nicht nur die Entstehung biologischer Arten –
steuern, erweisen sich als in hohem Grade zutreffend und nehmen für das
Verständnis unserer Welt eine Schlüsselfunktion ein. Darüber hinaus
motivieren sie zu Reinigung und erneutem Durchdenken hergebrachter
religiöser Auffassungen. Insofern ist Darwin auch ein Denker, der in die
Geschichte des Christentums gehört – gerade dann, wenn er als einer der
bedeutendsten Stammväter der säkularen Moderne anzusehen ist.
Dr. Michael Weichenhan
Lesenswerte Einführungen:
Vittorio Hösle / Christian Illies: Darwin. Freiburg (C.C. Buchner) 1999.
Julia Voss: Charles Darwin zur Einführung. Hamburg (Junius) 2008.
